Walter J. Hollenweger
 
Blog

21.02.2008

Die Zukunft gehört den Kirchen mit unbezahlten Pfarrern

Die Church of England hat grosse finanzielle Probleme. Viele Kirchen mussten an die Muslime oder auch an schwarze, eingewanderte Christen verkauft oder gar abgerissen werden. Einige von ihnen sind uralte, schöne Dorfkirchen, deren Unterhalt zu kostspielig wurde.
Auch in der Schweiz steht vielerorts der Aufwand in keinem Verhältnis zur Realität: In Gemeinden mit über tausend Mitgliedern trifft man am Sonntag ein halbes Dutzend Gottesdienstbesucher plus den Pfarrer, den Küster und den Organisten. Diese teuren Gebäude sind eigentlich überflüssig. Aber unsere Kirchenleitungen verschliessen die Augen vor der Realität. Sie verbergen das Problem vor der Öffentlichkeit und meinen, das Blatt werde sich von selbst wenden.

Das Kirchensteuersystem cachiert die Probleme wunderbar. Trotzdem müssen in Genf, Neuenburg und Basel Pfarrstellen zu Dutzenden gestrichen und Kirchengebäude verkauft werden. Das wäre auch in Bern und Zürich der Fall, wenn der Staat beschlösse, die Subventionsgelder für die Kirche zu streichen (je 25 Millionen pro Jahr).

Im Gegensatz zu den Schweizer Kirchen bezahlen die Engländer die Hälfte ihrer ordinierten Pfarrer nicht. Für viele ist der Pfarrerberuf kein Broterwerb, was sich auf die Qualität der Pfarrer positiv auswirkt. Sie üben einen weltlichen Beruf aus als Ärztinnen, Kaufleute, Lehrer, Anlageberater, Berufsoffiziere. Sie reduzieren ihr Berufspensum, um Zeit für die Kirche zu haben. Ihre Hauptaufgabe ist auch nicht das Predigen. Sie singen die Liturgie, beerdigen die Toten, taufen Säuglinge, Kinder und Erwachsene, konfirmieren die Konfirmanden und trauen die Heiratswilligen. All diese Dienste kann man ohne Theologiestudium ausüben. Diese praktischen Dinge lernen sie in besonderen Kursen.
Auf die sonntägliche Predigt wird dabei weitgehend verzichtet. Man sieht ja bei uns, was das Predigen nützt. Seit Jahrhunderten wird auf unseren Kanzeln gepredigt. Trotzdem wissen «die Christen» kaum etwas über die Bibel.
Für Einführungen in die Bibel oder für theologischen Unterricht stellt man bei der Church of England bei Bedarf Fachleute an.
Übrigens funktionieren nach diesem System die grossen Mehrheitskirchen der Welt, von denen man in der Schweiz kaum etwas weiss (zum Beispiel in China). Diese Mehrheitskirchen wachsen rasant im Gegensatz zu unseren reichen Landeskirchen, denen die Menschen zu Tausenden davonlaufen.

1:  Kommentar von Urs Mattmann – 06.04.2008
 
Lieber Herr Hollenweger,
Ob Sie sich noch an mich erinnern? Auf jeden fall war es gut Ihren Artikel über die Situation in England zu lesen, da ich seit 2005 mit meinem Lebenspartner nach London gezogen bin. Mein Buch COMING IN wurde seither auf auf English herausgebracht, siehe www.ionabooks.com Wenn Sie mal in London sind, lassen Sie es mich wissen! Liebe Grüsse auch an Marianne Heuberger, falls sie mit ihr noch in Kontakt sind.
Alles Gute, Urs Mattmann

2:  Kommentar von Diana Simon – 20.04.2008
 
Interessanter Gedanke! Wir sollten viel mehr Gemeinde sein - jedeR kann seinen Beitrag leisten! Weshalb bereitet nicht eine Gruppe die Hochzeit eines Paares vor? Und weshalb soll das Paar sich nicht ein Gemeindegleid aussuchen, das sie traut?

Eigentlich bräuchte man nur einen Gemeindevorsteher oder eine Vorsteherin, die das Organisatorische im Blick hat und koordiniert, unterstützt vom Kirchengemeinderat mit verschiedenen Aufgaben wie Finanzen usw.

Theologen sollten die Gemeinden mit ihren Fachkenntnissen über die Zeit, über Fragen der Übersetzung usw. unterstützen.

Unsere wunderschönen alten Kirchen müssen uns erhalten bleiben. Man kann den Wert eines Ortes der Stille und Besinnung nicht in Euro oder Franken festmachen.

Langsam könnten wir uns auch an eine Nutzung herantasten, die einem Gotteshaus nicht entgegensteht. Weshalb die Hochzeit nicht in der Kirche feiern, also auch das Essen und den Tanz? Weshalb nicht so viele Konfirmationen wie hineinpassen in der Kirche feiern?

Warum nicht einmal im Monat das Sonntagsmittagessen in der Kirche einnehmen und Neuzugezogene und Alleinstehende integrieren?