Walter J. Hollenweger
 
Blog

15.05.2008

Die Auferweckung Jesu

Was an jenem Ostermorgen geschah, ist schwierig zu rekonstruieren. In einem aber sind sich alle Berichte einig: Der Jesus, der gekreuzigt worden war, erschien seinen Schülerinnen und Schülern (in dieser Reihenfolge!). Er verwandelte ihre Resignation in ansteckende Freude. Der «Beweis» für die Auferstehung Jesu sind seine Nachfolger, zum Beispiel die schwarzen Arbeiterpfarrer- und pfarrerinnen in England. Sie wollte kritische Theologie an der Universität studieren. Dazu mussten wir ein spezielles Kursprogramm entwickeln, denn diese Arbeiterpfarrer- und pfarrerinnen waren berufstätig, z. B. als Fahrerinnen der städtischen Verkehrsbetriebe und als Eisenbahner. Auch musste ich meine Kollegen an der Universität zur Mitarbeit gewinnen.

Einer dieser Kollegen war Michael Goulder. Er glaubte nicht an Gott und sagte das öffentlich, was die frommen Christen in der Stadt erschreckte. Sie fragten die schwarzen Arbeiterpfarrer: «Wie könnt ihr zu einem ungläubigen Professor in die Schule gehen?» Die Arbeiterpfarrer redeten mit Michael Goulder und sagten ihm: «Der Glaube ist ein Geschenk. Man kann ihn nicht ‹machen›. Aber wir werden für Sie beten.» Und so begannen sie jede Lehrveranstaltung mit lautem Gebet: «Lieber Gott, du weisst, dass unser Professor nicht an dich glaubt. Und doch bist du hier, ganz nahe.» Michael Goulder war ein grosszügiger Atheist und liess seine Schüler gewähren. Er sagte mir: «Die Arbeiterpfarrer- und pfarrerinnen sind meine liebsten Studierenden. Ihre Frömmigkeit ist mir fremd. Aber sie sind authentisch.» Und die Schwarzen liebten ihren ungläubigen Professor. Ob sich in dieser ungewöhnlichen Liebe zwischen Schwarzen und Weissen, zwischen Männern und Frauen, zwischen Gläubigen und Ungläubigen nicht etwas von Ostern, von der ansteckenden Freude des lebendigen Jesu zeigt?

Mehr dazu in
«England: Interaktion zwischen schwarz und weiss» in Hollenweger, Charismatisch-pfingstliches Christentum. Göttingen 1997, 128–138

1:  Kommentar von Judith Ammann – 17.05.2008
 
Ich weiss nicht, ob die Auferstehung Jesu exklusiv die Basis für Grenzüberschreitungen dieser Art waren. Die Grenzen zwischen den Geschlechtern und zwischen den Klassen hat Jesus bereits zu Lebzeiten überschritten.
Die Grenze zwischen Juden und Heiden, also Gläubigen und Ungläubigen, wurde erst aufgrund des Herzensanliegens des Paulus und aufgrund eines schockierenden Traumes und Erlebnisses des Petrus überschritten.

2:  Kommentar von Diana Simon – 18.05.2008
 
Ich glaube nicht an die Auferstehung. Es würde zu weit führen darzulegen, wie ich die entsprechenden Stellen im NT interpetiere. Auf jeden Fall muß ich Paulus 1. Ko 15/14 widersprechen: "Wenn aber Christus nicht auferstanden ist, so ist unsere Predigt ohne Sinn, ohne Sinn auch euer Glaube."

Ich finde, wir kümmern uns viel zu viel um Tod und Auferstehung, obwohl die Auferstehung in Markus, in der Logienquelle Q und im Thomasevangelium fehlt. Vor dem Tod kommt schließlich das Leben, und wenn wir richtig zu leben wüßten, wie Jesus es gelehrt hat, dann wäre die Welt in einem anderen Zustand.

Wenn ganz unwiderleglich bewiesen würde, daß es keinen Gott gibt und Jesus sich geirrt hätte, dann würde das an meinem Leben nichts ändern. Ich würde ihn weiterhin als meinen Lehrer betrachten. Ich würde mich trotzdem von ihm herausgefordert fühlen und versuchen ihm nachzufolgen so gut ich kann. Ich kann es wirklich nicht gut, kenne aber nichts besseres.