Walter J. Hollenweger
 
Blog

15.06.2008

Warum investiert der Staat Millionen in die Theologie?

Wir leisten uns in der Schweiz mindestens sechs reformierte theologische Fakultäten. Sie kosten uns Millionen. Wozu dienen sie? Sie dienen dazu, sich gründlich mit der Bibel und der Geschichte der Kirche auseinander zu setzen. Es ist unbestritten, dass 2000 bis 3000 Jahre alte Texte nicht verstanden werden können, ohne gründliche Kenntnis der entsprechenden Sprachen und ihren literarischen Gattungen. Zu diesen gehören historische Berichte, Legenden, Mythen, Gebete, Protokolle, Gleichnisse, Lieder etc. Die Bibel wurde von Menschen geschrieben. Wer die Bibel verstehen will, muss wissen, warum diese Menschen ihre Botschaft in der Form von Legenden und historischen Berichten vorgelegt haben, warum es in der Bibel neben Texten, die uns helfen, unsere Resignation zu überwinden, auch Irrtümer gibt.

Wir zahlen unseren Pfarrern den höchsten Pfarrerlohn weltweit, damit sie uns ehrlich Auskunft geben über ihr Studium. Das ist anstrengend, aber nötig. Ich stellte während meines 50jährigen Predigtbesuchs fest, dass viele Pfarrer ihr Wissen versteckten. Ein Kirchenpräsident sagte mir auf meine kritische Nachfrage: «Es gibt Pfarrer, die ihr Wissen nicht verstecken.» Als ich ihn nach Namen fragte, nannte er mir drei, drei von 600. Vielleicht kennt ja der Kirchenpräsident nicht alle seine Pfarrer. Vielleicht sind es 20 oder 30.
Frage: Wie rechtfertigen wir es, dass die meisten unserer Pfarrer ihre Ausbildung grosszügig vergessen? Viele Studenten sagen schon im Studium in aller Öffentlichkeit: «Die Theologie lernen wir nur fürs Examen. Nachher vergessen wir aktiv alles.» Was ist da verkehrt gelaufen, in der Auswahl, in der Ausbildung, in der Supervision des Lehrvikariates, in der Praxis? Der Staat könnte ja auf die Idee kommen, diese teure theologische Ausbildung sei überflüssig.

1:  Kommentar von Diana Simon – 23.06.2008
 
Sehr geehrter Herr Hollenweger,

habe ich Sie richtig verstanden - die Theologen werden mit den Erkenntnissen der anderen Wissenschaften (Geschichte, Sprachwissenschaften, vergleichende Kultur- und Religionsgeschichte usw.) bekannt gemacht und behalten das schön für sich???

Das erinnert mich irgendwie an die Halbgötter in Weiß, die früher auch dazu tendierten, ihr Wissen den dummen Patienten vorzuenthalten. Der Unterschied zu den Theologen ist, daß ich meinen Arzt gezielt ausfragen kann, nachdem ich mich über das Internet und Bücher informiert habe. In der Kirche muß ich mir den gröbsten Aberglauben anhören, ohne ein Wort dazu sagen zu dürfen.

Die letzte Predigt bevor ich den Kirchenbesuch resigniert abgeschrieben habe, handelte von der Auferweckung des Jünglings von Naim. Die Geschichte wurde so, wie sie dasteht, wörtlich genommen.

Meines Wissens wurden Juden so schnell wie möglich begraben, so daß ich davon ausgehe, daß der Jüngling scheintot war. Jemand, der hirntot ist, kann nicht auferweckt werden. Ich wünsche mir, daß ein Theologe sich dazu äußert.

Selbstverständlich sagt die Geschichte trotzdem etwas über Jesus aus, nämlich daß er Verständnis für die Nöte der Menschen gehabt und Mitleid mit ihnen empfunden hat. Er hat nicht gesagt: "Gute Frau, das war Gottes Wille, daß dein Sohn gestorben ist und du jetzt keinen Ernährer mehr hast. Damit mußt du dich abfinden."

Mir sagt die Geschichte, daß wir - in der Nachfolge Jesu - bei solchen Schicksalsschlägen aufgefordert sind zu tun, wozu wir in der Lage sind. Also den Lebensunterhalt sichern und die Hinterbliebene(n) nicht allein lassen in ihrem Schmerz.

Ich gehe nicht mehr in die Kirche, wenn der Pfarrer von der Kanzel herunter Dinge predigen kann, die meinen Verstand beleidigen, und ich darf noch nicht mal etwas dazu sagen. So wenig wie bei den Ärzten liegen heute bei den Theologen noch Welten zwischen Profis und Laien. Wir sind keine mittelalterlichen, analphabethischen Bauern mehr, die keinen Zugang zu Informationen hatten, nichts als ihr heimatliches Dorf kannten und äußerst hart arbeiten mußten, nur um ihr Leben zu fristen.

Ich wünsche mir Gottesdienste, die von einzelnen Gemeindegliedern vorbereitet werden und wo dann alle aus ihrer Lebenserfahrung dazu beitragen können. Der Pfarrer ist der Experte dafür, wie der Text im Zusammenhang seiner Entstehungsgeschichte zu sehen ist, zu Übersetzungsfragen, zu Parallelen in anderen religiösen System usw.

Zu einem solchen Gottesdienst könnte ich auch guten Gewissens Freunde einladen, die der Religion nichts mehr abgewinnen können.

Mit freundlichen Grüßen und einem herzlichen Dankeschön für Ihre interessanten Denkanstöße

Diana Simon

2:  Kommentar von Walter J. Hollenweger – 27.06.2008
 
Liebe Frau Simon,

herzlichen Dank für Ihre Zuschriften. Sie haben vollkommen recht. Zwar studieren unsere Pfarrer wissenschaftliche Theologie. Aber die meisten predigen nachher, wie Sie es beschreiben.
Unsere Pfarrer entschuldigen sich damit, dass die Gemeinde sich nicht interessiere für eine kritische Bibelauslegung. Das ist ein Irrtum. Ich habe dreissig Jahre lang auf dem deutschen Evangelischen Kirchentag kritische Exegese betrieben. Tausende sind gekommen. Die Menschen wollen endlich die Wahrheit wissen. Sie sind es leid, ständig hinters Licht geführt zu werden.
Natürlich behaupten unsere Pfarrer, sie legten die Bibel kritisch aus. Aber sie machen das so selektiv und ungenau, dass das kaum jemand versteht. Das Resultat beschreiben Sie, Frau Simon. Und darum gehen Sie und viele andere nicht mehr in den Gottesdienst. Was wäre der Ausweg? Ich weiss es nicht. Wahrscheinlich müsste man viele unserer Pfarrer wegen Unfähigkeit entlassen. Dazu hat niemand den Mut.
Ich fragte einige kirchenleitenden Behörden. Sie wissen genau, was auf unseren Kanzeln passiert. Sie glauben, die Erwachsenenbildung sei eine Korrektur. Das ist nicht der Fall. Wenn die engagierten Gemeindeglieder in der theologischen Erwachsenenbildung lernen, dass es in der Bibel neben historischen Berichten auch viele Legenden gibt und wenn sie nachher in die Kirche gehen, wo sie eine Auslegung zum „Jüngling von Nain“ hören, wie in Ihrem Brief beschrieben, Frau Simon, sind sie zu Recht verärgert, denn die wichtigste Fähigkeit eines Pfarrers ist, zu lügen ohne rot zu werden. Weiss jemand von den Lesern einen Rat?

Walter J. Hollenweger

3:  Kommentar von Robert Lau – 07.07.2008
 
„Jemand der Hirntod ist, kann nicht auferweckt werden.“ „ Sie haben vollkommen recht.“ Wenn das stimmt, gilt das auch für die Auferweckung Jesu von den Toten. Wer lügt alles, ohne rot zu werden?