Walter J. Hollenweger
 
Blog

21.08.2007

Die Wahrheit – das wichtigste Kapital der Kirche

Dass die Wahrheit – auch die biblische Wahrheit – heute eine andere ist als vor hundert Jahren, gehört zur Vorläufigkeit unserer Glaubenserkenntnis, auch der wissenschaftlichen Bibelauslegung. Dazu gehört auch die Einsicht, dass die meisten biblischen Autoren und selbst Jesus für sich keine Unfehlbarkeit in Anspruch nehmen. Das ist der Unterschied zum Islam.
Dazu passt eine Erfahrung, die ich an der Universität Birmingham, in England, machte. Als ich als Professor nach Birmingham kam, gab es dort schon 57 Moscheen. Anstatt mich für ein Verbot der Minarette einzusetzen, bat ich einen islamischen Theologen, mit mir zusammen Christologie zu unterrichten. Jesus spielt nämlich im Koran eine wichtige Rolle. Der Muslim begann seine Vorlesung mit den Sätzen: «Für zwei Religionen ist Jesus von Nazareth konstitutiv. Und diese beiden Religionen sind der Islam und das Christentum.» Dann führte er uns durch den Koran, um seine Behauptung zu erhärten. Natürlich gab es dabei auch Differenzen, vor allem bei der Kreuzestheologie und bei der Trinitätslehre. Aber mit dieser christlichen Lehre haben die meisten von uns auch Mühe. Die Muslime erinnern uns an unsere eigenen Wurzeln, an die Christologie der Judenchristen.
In meiner letzten Vorlesung fragte ich den Muslim: «Wo sehen Sie einen Fortschritt in unseren gemeinsamen Bemühungen?» Er sagte: «Sie, als christlicher Theologe, können die Bibel, die Kirche und die Dogmatik kritisch hinterfragen. Dem würde bei uns die Moschee, der Koran und die Scharia entsprechen. Diese können wir nicht – noch nicht – kritisch hinterfragen. Aber wir werden es lernen müssen, sonst werden wir nie dialogfähig.» Das war vor dreissig Jahren!
Es ist der Knackpunkt im islamisch-christlichen Dialog. Minarette zu verbieten ist kindisch. Mit den Muslimen über eine kritische Auslegung von Bibel und Koran zu reden hat Zukunft – nicht nur für die Kirche und die Moschee, auch für unsere Gesellschaft und unsere Schule. Anfangen muss der Dialog an der Universität.
Ich bin jetzt 80 Jahre alt. Mein ganzes Leben lang habe ich mit Menschen nichtchristlicher Religionen und mit Atheisten diskutiert. Ich habe bis jetzt keinen einzigen Menschen gefunden, der über Jesus etwas Böses gesagt hätte, wohl aber über die Kirche. Als Ghandi von dem schottischen Missionar C. F. Andrews ein Neues Testament bekam, las er es und gab es zurück mit den Worten: «Was dieser Jesus sagt, ist wahr. So will ich leben.» Daraus ist später die sogenannte «indische» Philosophie der Gewaltlosigkeit entstanden. Die Theologen nennen die Position Ghandis verächtlich «Jesulogie». Es fehle ihm die Christologie. In der Tat, Ghandi ist nur ein Jesusjünger. Er hat sich nie taufen lassen. Er ist nicht der einzige. Aber vielleicht stünde es besser um unsere Welt und um unsere Kirche, wenn wir mehr Jesusjünger und weniger christologische Spekulanten hätten.

1:  Kommentar von Maria Waibel – 28.08.2007
 
Es würde mich interessieren, was für Sie christlich im Christentum ist.
Herzlicher Gruss von Maria Waibel

2:  Kommentar von Walter J. Hollenweger – 31.08.2007
 
Vielen Dank für Ihre Frage.
Man könnte sie in einem Satz beantworten oder zwei dicke Bücher darüber schreiben. Der Satz würde lauten: Das Christliche am Christsein bedeutet ein Jünger Jesu zu sein.
Etwas davon habe ich in meiner Predigt (PDF-Datei, 68 KB) ausgeführt, die ich am letzten Sonntag in der Kirche Unterstrass in Zürich gehalten habe.

3:  Kommentar von Leserin – 19.09.2007
 
Sie schreiben, das Christliche im Christentum bedeute, ein Jünger Jesu zu sein! Diese Aussage verlangt bereits eine Interpretation. Da gehen ja die Meinungen vielfach auseinander.
Wenn zum Beispiel gewisse Freikirchler behaupten, nur wer eine bewusste Bekehrung erlebt habe und diesen Zeitpunkt bezeugen könne, sei ein echter Jünger Jesu. Damit schliessen sie die Christen aus den Landeskirchen zum vornherein aus. Wie soll man da reagieren?
(Eine interessierte und wissbegierige Leserin)