Walter J. Hollenweger
 
Blog

20.09.2007

«Wir wollen einen allmächtigen Gott!»

Die Aussage «Gott ist allmächtig» beruht auf einer Fehlübersetzung. Sie ist nicht biblisch. Zudem weiss jeder Konfirmand, dass Gott entweder allmächtig oder liebevoll ist. Beides geht angesichts unserer Welt nicht zusammen. Darum sagen viele: «Ja, das ist eben ein grosses Geheimnis, das man nicht verstehen, sondern nur glauben kann.» Das ist eine faule Ausrede. Natürlich gibt es viele Dinge in unserer Welt – auch in den Naturwissenschaften –, die wir nicht verstehen können. Da ist Bescheidenheit angebracht. Das habe ich von den Wissenschaftlern selber gelernt. Aber wenn die Bibelübersetzer entweder aus Faulheit oder aus Unvermögen gepfuscht haben, ist das kein Grund, offensichtlichen Unsinn als Glaubensgeheimnis zu bezeichnen. Es gibt dann noch genug Glaubensgeheimnisse.
Im Übrigen entsteht der Glaube an die Allmacht Gottes aus einem Wunschdenken, wie mir die Teilnehmer an einer Fernsehdiskussion bekannten. Was in der Bibel steht oder nicht steht, war ihnen gleichgültig. Kriterium für ihren Glauben war ihr Wunsch: «Wir wollen einen allmächtigen Gott.» Das war ihnen Begründung genug.
Die Schlüsseltexte zur Allmacht Gottes stehen im Alten Testament. Dort wird Gott «El Schaddai» genannt. Die griechischen und lateinischen Übersetzungen des Alten Testamentes haben «Schaddai» ohne eine Begründung mit «allmächtig» übersetzt. Ihnen sind auch die Reformatoren gefolgt, was nichts daran ändert, dass diese Übersetzung mit Sicherheit falsch ist. Weil diese falsche Übersetzung in unseren Kirchen seit Jahrhunderten ihr Unwesen trieb, halten die meisten Christen (und viele Pfarrer) an der Allmacht Gottes fest. Sie wollen nicht zur Kenntnis nehmen, dass diese ausserbiblische Aussage hinterrücks in die Bibel geschmuggelt wurde. Ein Fehler, der lange genug wiederholt wird, wird zur Wahrheit.
Vielleicht handelt es sich bei «Schaddai» um einen Berggott (Sinai). Wahrscheinlicher aber ist mir die Bedeutung «Muttergöttin» mit vielen Brüsten. Der Gott Israels wäre dann für das Leben schlechthin zuständig. Er (oder sie) wären so mächtig wie eine Mutter. Wenn sie ihre Brust verweigert, sterben die Kinder. Wenn sie sie stillt, leben sie. Das ist ein Bild aufopfernder Fürsorge, aber weit entfernt vom Gottesbild im sogenannten apostolischen Glaubensbekenntnis, wo Gott als «allmächtiger Vater» dargestellt wird. Sicher ist nur, dass wir nicht mehr wissen, was «Schaddai» heisst.
Das mag ein Grund sein, warum die Feministinnen diese Spur – so weit ich sehe – nicht aufgenommen haben. Aber «Schaddai» mit «Muttergöttin» zu übersetzen, ist gewiss wahrscheinlicher als die falsche Übersetzung «allmächtig».

(Vgl. Ludwig Köhler, Lexicon in Veteris Testamentis Libros: Leiden 1953, S. 950.)

1:  Kommentar von Konrad Meister – 20.09.2007
 
Sie schreiben, Gott sei nicht allmächtig. Bedeutet das, dass er all das Unglück in der Welt (Kriege, Hungersnöte usw.) gar nicht verhindern könnte - selbst wenn er wollte?

2:  Kommentar von Walter J. Hollenweger – 19.10.2007
 
Wenn unser logisches Denken genügt für die Beantwortung Ihrer Frage, so haben Sie Recht. Gott leidet an Seiner Schöpfung und kann nicht alles tun, was er möchte. Warum er Seine Schöpfung und unser Denken nicht anders geschaffen hat, hoffe ich, Ihn nach meinem Tode fragen zu können. Aber dann habe ich keinen Zugriff mehr auf das Internet.

3:  Kommentar von Jutta Weigel – 10.12.2007
 
Lieber Herr Hollenweger, ich war am Freitag, 7.12. in Heidelberg und habe gehört, wie Sie sagten: Gott ist nicht allmächtig. Ich bin keine Christin und gehöre auch sonst keiner Religion an, trotzdem hat mich das Thema interessiert, weil ich spüre, dass ich sehr wohl ein Gottesbild mit mir herumtrage, nämlich von einem allmächtiger Gott. Während des Interviews ist was passiert. Ich spürte, wie Frieden in mein Herz kam. Besser kann ich es nicht erklären. Sie haben irgendwie das innere Bild von einem allmächtigen Gott zertrümmert und es tat mir so gut. Denn wie kann ich Gott trauen (wenn es ihn gibt), wenn er allmächtig ist und nicht handelt angesichts dem Leiden von Mensch und Tier.Ein solcher Gott ist für mich auch nicht liebenswert, eher fremd und erschreckend. El Schaddai, das ging mir am Freitagabend lange nicht mehr aus dem Kopf. Vielen Dank.

4:  Kommentar von Diana Simon – 20.04.2008
 
Das ist ja hochinteressant! Ich wußte nicht, woher die Idee vom allmächtigen Gott stammt, habe sie aber sowieso nicht geglaubt.

Gott hat die materielle Welt geschaffen und sich die Naturgesetze "ausgedacht". Er hat sich entschlossen, das Leben auf der Kohlenstoffchemie aufzubauen, er hätte sich vermutlich auch anders entscheiden können.

Gott ist kein Zauberer aus dem Märchen, der mal eben Hokuspokus macht und die Naturgesetze mal kurz und begrenzt aufhebt. Wer mal etwas über Chaostheorie gelesen hat, weiß, welche Folgen das hätte, wenn es denn möglich wäre.

So gut wie alles Leid auf Erden, außer dem Tod aus Altersschwäche, ist menschengemacht. Sehr oft nicht durch den Einzelnen, sondern dadurch, wie wir die Gesellschaft organisieren. Wir beuten z.B. die Erde und die Tiere aus, denaturieren unsere Nahrung und erzeugen allein dadurch Hunger und Fettleibigkeit

Gott hat uns mit unserem Verstand ein wunderbares Instrument gegeben, das Leiden zu minimieren. Wir benutzen ihn leider lieber dazu, den Gewinn zu maximieren.

Allerdings hilft uns Gott auf geistiger Ebene wo er nur kann. Wir wissen garnicht, wie oft wir vielleicht einem Unfall entgangen sind oder einer Ansteckung, weil wir "vergessen" haben, wo wir den Schlüssel hingelegt haben. Meine Eltern sind einmal an einem Laster vorbeigefahren, der im Augenblick danach eine Ladung Stahlrohre verloren hat. Weshalb hat mein Vater das Gaspedal einen Hauch mehr gedrückt??

Gott als der liebevolle Vater, der seine Sonne über Gerechte und Ungerechte scheinen läßt und der ein Fest für den verlorenen Sohn gibt, ist nicht allmächtig in einem vorwissenschaftlichen und kindlichen Sinne.

In der geistigen Welt gibt es keine Naturgesetze und manchmal dringt die Stimme Gottes bis in die Materie durch. So oft sagt Jesus "Wer Ohren hat zu hören, der höre!". Ich beziehe das nicht nur auf seine Botschaft, sondern auch auf die leise Stimme Gottes in der Intuition.